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Das Hochhaus

Ein Koloss entsteht und verschwindet wieder

Das Experiment: Der Stahlversuchsbau zu Bautzen

Jeder der vor der Wende in Bautzen aufgewachsen ist, kennt das Hochhaus. Eine experimentelle Errungenschaft der sozialistischen Bau- und Planwirtschaft, gebaut 1970. Ein Koloss im Bautzner Stadtbild, ein gebautes Manifest. Stahlkonstruktion gewagt, „Haus der Mode“ im Untergeschoss, Fahrstühle bis in die 13. Etage. Wohnungen mit neuartigen Grundrissen, Zentralheizung, Warmwasser aus der Wand. Die Müllentsorgung geschieht komfortabel durch einen Schacht außerhalb des Wohnbereiches, zugänglich in jeder Treppenhausetage. Mietvertraglich geregelter Flaggenzwang für die Bewohner am 1. Mai, aber dafür gelegen mitten im Zentrum der Stadt mit Ausblick ins malerische Lausitzer Bergland. Und dem zunehmend verfallenden Stadtkern. Ein Traum für diejenigen, die von drinnen nach draußen schauten. Umgekehrt eine Zumutung.

Und doch: Die Leute hatten sich gewöhnt, akzeptiert, stuften das widerspenstige Konstrukt als Besonderheit ein. Der Bautzner DDR-Bürger wurde marschierend jeden 1.Mai am Hochhaus vorbei geführt. Als Pionier, meist gelangweilt, weil immer das gleiche. Immer Regenwetter und Blusenzwang. Oder als Werktätiger, mit kurz vorher noch hektisch ausgerolltem Demonstrationsbanner, die rote Nelke ab ins Knopfloch, eine Mark leicht. Ein ganzer Strauß rotes Plastegebüsch war möglich, jedes Jahr eine neue Nelke am Draht. Von sozialistischer Schule geformt, bewegen Handgelenke Winkelemente schlapp, dann schnell nach Hause. Der Fernseher bleibt heute aus. Zwei Sender zeigen greise Winkelementedauerwedler, schon ganz kirre vom Dauerwedeln jahrein jahraus…

1998 war es beschlossen, das Hochhaus muss weg. Im Zeitraffer weniger Wochen wurde das Haus im Sommer 1999 abgetragen. Das ästhetische Gleichgewicht des Stadtbildes wiederhergestellt.

Doch wir erinnern uns: Die längsten Spruchbänder Bautzens mit den „durchschlagendsten“ Parteiphrasen hingen immer am Hochhaus: „Im Bruderbund mit der UdSSR alles für Sozialismus und Frieden“. Etwa 30 Meter lang? Oder länger? Leb wohl, altes (Hoch)Haus.

Text: Solveig Böhl, 2013

 vor 1945 – Kornmarkt mit Schuhhaus Mohr

 

 

 1968 – Kornmarkt kurz vor dem Hochhausbau

 

 1969/70 – Abriss alte Gebäude und Hochhausbau

 

 70er und 80er Jahre – das Hochhaus in voller Blüte

 

 1998 – Ein Kollos verschwindet

 

Quellengaben für 1968 – Kornmarkt kurz vor dem Hochhausbau:

© Alwin Günzel

Quellengaben für 1969/70 – Abriss alte Gebäude und Hochhausbau:

© Alwin Günzel

Quellengaben für 70er und 80er Jahre – Das Hochhaus in voller Blüte:

© Rössing-Winkler, entnommen aus Bautzen, 2.Auflage, VEB F.A. Brockhaus Verlag Leipzig, DDR 1977

© Gerald Große, entnommen aus Budissin-Bautzen, 3. durchgesehene Auflage 1982, © VEB Domowina-Verlag, Bautzen

Quellengaben für 1998 – Ein Kollos verschwindet:

© Sächsische Zeitung 1999